Warum es dir schwerfällt, NEIN zu deinem Kind zu sagen

Warum fällt es gerade bindungs- und bedürfnisorientierten Eltern so schwer, zu ihren Kindern „nein“ zu sagen… Grenzen zu setzen… Beim „nein“ zu bleiben?

Diese Frage hat mich in letzter Zeit stark beschäftigt.

Ich denke, es liegt unter anderem daran, dass die meisten von uns autoritär erzogen wurden.

Wir haben Dinge gehört und erlebt, waren weit entfernt von gleichberechtigt mit unseren Eltern, wir mussten funktionieren und sein, wie andere uns haben wollten, aus welchen Gründen auch immer.

Diese Stimmen unserer Kindheit hallen noch immer in uns wider und wir geben sie an unsere Kinder weiter. Denn wir sind instinktiv die Eltern, die wir in unserer eigenen Kindheit erlebt haben – vor allem in Stresssituationen.

Je älter unsere Kinder werden, desto lauter werden zudem die Stimmen von außen: „Der tanzt dir auf der Nase herum, wenn du nicht durchgreifst!“

Alleine schon das Wort „durchgreifen“ ist so wenig respektvoll und dem Kind zugewandt, so wenig konzentriert auf die Bedürfnisse des Kindes, die einzig es mit seinem Verhalten befriedigen möchte. Wir können darüber streiten, ob das Kind eine Strategie gewählt hat, die, sagen wir mal, ungünstig ist.

Doch unterm Strich befriedigt es seine Bedürfnisse.

Punkt.

Jedes Kind tut grundsätzlich nur etwas für sich und niemals gegen jemand anderen.

 

Warum uns „nein“ sagen schwerfällt

Wenn wir an „Grenzen setzen“ denken, kommen uns als autoritär Erzogene Begriffe wie „durchgreifen“, „hart bleiben“ oder „streng sein“ in den Kopf. Und genau das ist das Problem. Wir bindungs- und bedürfnisorientierten Eltern verbinden ein „nein“ mit einer Vehemenz, einer gewissen Strenge. Und streng wollen wir ja nicht sein!

Ein Beispiel:

Kind: „Ich will jetzt sofort einen Keks!“ (Achtung: Eindeutiges Zeichen dafür, dass das innere Stressfässchen des Kindes randvoll ist und es vermutlich bald zum Ausbruch kommt!)

Mutter: „Ich möchte das nicht, weil wir gleich zu Mittag essen.“

Kind wird vehementer: „Ich will aber! Ich will jetzt! Mama, bitte! Ich will unbedingt!“

Die Mutter wird unruhiger, bleibt bei ihrem eher freundlichen „nein“. Sie spürt allerdings bereits, wie sie genervt ist vom Verhalten ihres Kindes. Sie möchte in Ruhe kochen und ihr eigenes Stressfass gerät mehr und mehr in Wallung. Sie spürt, wie die Wut in ihr hochkocht und sie explodiert: „Ich hab‘ gesagt „nein“ und jetzt lass mich endlich in Ruhe kochen!“

Die Mutter ist ausgerastet, fühlt sich anschließend schlecht und das Kind zuckt zusammen.

Wichtig zu wissen:

Wenn Eltern in Wut geraten, können sie bei ihren Kindern Stress auslösen. Normalerweise suchen Kinder in den Armen ihrer Eltern Schutz und Trost, wenn sie Angst haben oder sich verletzt fühlen. Doch sollten die Eltern selbst den Stress verursachen, gibt es niemanden mehr, der sie tröstet, und keinen Zufluchtsort, der Sicherheit bietet.

 

Was passiert, wenn wir einknicken

Nehmen wir das Beispiel von oben:

Kind: „Ich will jetzt sofort einen Keks!“

Mutter: „Ich möchte das nicht, weil wir gleich zu Mittag essen.“

Kind wird vehementer: „Ich will aber! Ich will jetzt! Mama, bitte! Ich will unbedingt!“

Die Mutter wird unruhiger, bleibt zunächst noch bei ihrem „nein“. Sie spürt allerdings bereits, wie sie genervt ist vom Verhalten ihres Kindes. Sie möchte in Ruhe kochen und ihr eigenes Stressfass gerät mehr und mehr in Wallung. Sie spürt, wie die Wut in ihr hochkocht und es aus ihr herausplatzt: „Dann nimm dir halt einen Keks!“

Die Mutter hat ihre Ruhe, kann weiter kochen, das Kind hat bekommen, was es wollte.

Blöderweise gewöhnt es sich auf diese Art und Weise eine Strategie an, um ans Ziel zu kommen, die für alle Beteiligten sehr anstrengend ist. Es lernt nämlich: „Ich muss nur lange genug quengeln und motzen und betteln, dann bekomme ich, was ich will!“

Und gleichzeitig liegen die „Stimmen von außen“ nicht mehr ganz verkehrt, wenn sie sagen: „Das Kind tanzt seiner Mutter auf der Nase herum“, „…hat seine Mutter voll im Griff“, „…ist ein Tyrann“.

Aber genau DAS wollten wir doch nie!

 

Mein Rat: Halte die starken Gefühle aus!

Zudem ist es für viele bindungs- und bedürfnisorientierten Eltern schwer, die Gefühle des Kindes auszuhalten. Die Tränen und vor allem die Wut, die auf unser „nein“ folgen. Wir fühlen uns schuldig. Wir wollten doch immer alles dafür tun, dass unser Kind nicht leiden muss, dass es nicht weinen muss, dass es sich nie schlechtfühlt. Jetzt tragen wir auch noch dazu bei, dass es traurig ist.

Tatsächlich ist Weinen und Wüten ein Heilungsprozess. Kinder befreien sich von innerer Anspannung und Stress durch in liebevoller Annahme begleitetes Weinen und Wüten. Es sei hier angemerkt, dass die Entlastung einzig stattfindet, wenn wir die Wut und die Tränen liebevoll annehmen und begleiten. Das könnte so aussehen:

Kind: „Ich will jetzt sofort einen Keks!“

Mutter: „Ich möchte das nicht, weil wir gleich zu Mittag essen.“

Kind wird vehementer: „Ich will aber! Ich will jetzt! Mama, bitte! Ich will unbedingt!“

Die Mutter bleibt dennoch standhaft, auch nach mehreren, immer lauter werdenden Anfragen des Kindes. Möglicherweise hat die Mutter dem Kind hier gleichzeitig eine liebevolle Grenze gesetzt, damit es in den Wutanfall findet.

Ideal ist, wenn die Mutter das Kochen unterbricht, sich zum Kind auf Augenhöhe begibt und mit sanften Worten Verständnis zeigt: „Ich sehe, du würdest jetzt so gerne diesen Keks haben wollen. Das ist sooo doof! Du hattest dich schon so drauf gefreut!“ …

…Und die Mutter dann die „Tränen der Vergeblichkeit“ auffängt.

 

Wie es dir leichter fällt, beim „nein“ zu bleiben

Hast du dir schon einmal überlegt, was das Ziel deiner Erziehung sein soll? Warum erziehst du, wie du erziehst?

Was soll dein Kind können oder wissen, wenn es zu Hause auszieht?

Wenn du weißt, welche Erfahrungen oder Fähigkeiten du deinem Kind mitgeben willst, bis es zuhause auszieht, dann fallen dir auch viele Entscheidungen und Reaktionen einfacher.

Wenn du weißt, was dein Ziel ist, und du hast es vor Augen, bleibst du insgesamt konsequenter. Liebevoll begleitest du die starken Reaktionen deines Kindes auf dein „nein“, doch du bleibst beim „nein“.

Weil du dein Ziel kennst.

Wenn du dein Ziel nicht kennst, knickst du ein und sagst JA in guten Momenten und NEIN in Momenten, in denen es dir nicht so gut geht. Du bist in deinem Verhalten für dein Kind nicht greifbar. Mal hü, mal hott.

Ein Ziel kann sein, dass dir gesunde Ernährung wichtig ist. Du möchtest, dass dein Kind, wenn es mal auszieht, weiß, wie es sich gesund ernährt.

Dieses Ziel vor Augen lässt dich vermutlich auf die Frage morgens nach dem Aufstehen: „Kann ich Kekse haben“, antworten: „Nein, ich möchte nicht, dass du so früh schon Kekse isst. Gerne nach dem Mittagessen.“ Oder: „Ich möchte nicht, dass du Kekse isst, aber schau, hier hast du einen Rohkostriegel. Deine Lieblingssorte!“  

Und jetzt du… was sind deine Werte, deine Ziele? Was sollen deine Kinder wissen oder können, wenn sie von zu Hause ausziehen?

Bildquelle: pixabay – geralt

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